Kognitive Verzerrungen Strafrecht | Dresden

Auf einen Blick

Kognitive Verzerrungen im Strafrecht und speziell im Strafverfahren

Der folgende Beitrag über kognitive Verzerrungen im Strafrecht und im Strafverfahren soll einen kleinen Einblick in ein für die Strafverteidigung essenzielles Thema der Psychologie liefern. In diesem geht es darum, diese Denkfehler aufzuspüren und gegebenenfalls gezielt im Strafverfahren einzusetzen.

Kognitive Verzerrungen spielen im Strafverfahren eine gewichtige Rolle. Immer wenn es die eigene Position zu stützen scheint, verweisen Staatsanwälte und Gerichte nur allzu gern auf einen vermeintlichen Stand der Wissenschaft oder unumstößliche Akteninhalte und blenden dabei konträre Positionen und anderweitige Anhaltspunkte aus (sog. Confirmation Bias oder Bestätigungsfehler). Im Insolvenzstrafrecht oder auch bei großen Tragödien wie dem Love-Parade-Unglück wird rückblickend ein abgeschlossener Sachverhalt analysiert und nur allzu schnell festgestellt, dass bestimmte Ereignisse oder Entscheidungen offensichtlich auf die bevorstehende Tragödie hingewiesen hätten, obwohl diese Ergebnisse oder Entscheidungen zum damaligen Zeitpunkt nicht so klar waren, wie der Ermittler im Nachhinein meint (sog. Hindsight Bias oder Rückschaufehler).

Dies kann zu einer Verzerrung von Verantwortlichkeiten führen, indem die Handlungen des Beschuldigten im Nachhinein als bewusst, absichtlich oder fahrlässig angesehen werden, obwohl sie zum Zeitpunkt ihrer Durchführung möglicherweise vernünftig und legitim erschienen. Die im Wirtschaftsstrafrecht zu berücksichtigende Business Judgement Rule gewährt etwa der Leitung eines Unternehmens vorab einen gewissen unternehmerischen Handlungsspielraum, welcher auch das bewusste Eingehen von Risiken einschließt (vgl. BGH Urteil vom 10. Februar 2022 (Az. 3 StR 329/21). Rückblickend werden hier vonseiten der Behörden in Verfahren wegen Untreue und Insolvenzverschleppung mit die meisten Fehler gemacht.

Ein Richter oder oder Staatsanwalt glaubt dabei häufig, ein Beschuldigter hätte wissen müssen, dass seine Handlungen illegal waren, obwohl dies zum Zeitpunkt der mutmaßlichen Tat möglicherweise nicht klar war. Andere Verzerrungen wie der Confirmation Bias können dazu führen, dass ein Richter oder Staatsanwalt nur Beweise und Forschungsstände berücksichtigt, die seine vorherigen Annahmen bestätigen und Beweise und anderweitige Forschungserkenntnisse teils vehement ablehnt, da diese die Annahmen widerlegen würden.

Was sind kognitive Verzerrungen?

Allgemein betrachtet sind kognitive Verzerrungen Denkmuster oder Denkfehler, die unser Urteilsvermögen beeinflussen können, indem sie unsere Wahrnehmung und Interpretation von Informationen meist unbewusst “verzerren”. Diese Verzerrungen können unser Denken und unsere Entscheidungen in unvorhersehbarer Weise dazu bringen, Informationen falsch zu interpretieren, sich falsch zu erinnern, Prioritäten falsch zu setzen oder unlogische Schlussfolgerungen zu ziehen. Es ist wichtig, diese Verzerrungen zu kennen und zu verstehen, um bessere gerichtliche und staatsanwaltschaftliche Entscheidungen herbeizuführen und sich dabei vor Fehlern zu schützen.

Zu den wichtigsten kognitiven Verzerrungen im Strafverfahren zählen dabei

    • Bestätigungsfehler: Diese treten auf, wenn Menschen dazu neigen, Informationen so zu interpretieren, dass sie ihre bestehenden Überzeugungen und Vorurteile bestätigen (Confirmation Bias). Im Strafverfahren kann dies bedeuten, dass Ermittler, Richter und Anwälte Beweise und Zeugenaussagen so interpretieren, dass sie ihre vorgefassten Meinungen bestätigen.
    • Rückschaufehler: Dieser Bias meint die Tendenz nachträglich zu glauben, dass wir ein Ereignis vorhersehen oder vorhersagen konnten, obwohl dies nicht der Fall war (Hindsight Bias), insbesondere im Insolvenzstrafrecht häufig anzutreffen.
    • Empathiefehler: Dieser Bias tritt auf, wenn Menschen dazu neigen, Informationen auf der Grundlage ihrer eigenen Perspektive und Erfahrungen zu interpretieren, anstatt die Perspektive anderer Personen zu berücksichtigen. Im Strafverfahren kann dies bedeuten, dass die Verfahrensbeteiligten sich auf ihre eigenen Überzeugungen und Vorurteile verlassen, anstatt sich in die Lage der beteiligten Personen zu versetzen.
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    • Selbstüberschätzung: Dieser Bias tritt auf, wenn Menschen ihre eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten überschätzen und sich selbst für kompetenter halten, als sie es tatsächlich sind (Overconfidence Bias). Im Strafverfahren kann dies bedeuten, dass Ermittler, Richter und Anwälte sich auf ihr eigenes Urteilsvermögen verlassen, anstatt sich auf die sich aufdrängenden Meinungen von Experten und Sachverständigen zu verlassen. Klassischerweise trifft dies Elemente der Beweiswürdigung von Zeugenaussagen, die Echtheit einer Unterschrift etc.
    • Falsche Erinnerungen: Falsche Erinnerungen können zu erheblichen Problemen bei der gerichtlichen Wahrheitsfindung führen, da sie oft sehr überzeugend sind und von Zeugen oft als wahr empfunden werden. Sie können durch suggestive Fragen bereits im Ermittlungsverfahren, soziale Einflüsse oder auch durch das Vergessen von Details und die anschließende Rekonstruktion entstehen. Bei der Vernehmung von Zeugen ist penibel darauf zu achten, dass keine suggestiven Fragen gestellt und die Zeugen möglichst unvoreingenommen befragt werden, was in der Praxis selten geschieht.

Auch als Anwalt ist man vor solchen Verzerrungen alles andere als sicher. Die größte Gefahr hinsichtlich kognitiver Verzerrungen für die Verteidigung besteht jedoch nach wie vor darin, sie nicht zu erkennen. Wenn die Verteidigung nicht in der Lage ist, diese Verzerrungen zu erkennen und zu adressieren, kann dies zu einem falschen Urteil führen. Zudem kann die Verteidigung selbst Opfer von kognitiven Verzerrungen werden, indem sie beispielsweise aufgrund des genannten Confirmation Bias nur nach Beweisen sucht, die ihre Theorie stützen oder aufgrund von Overconfidence Bias die Stärke ihrer Argumente überschätzt. Das kann dazu führen, dass die Verteidigung wichtige Schwächen in ihrer Argumentation übersieht und letztendlich an Glaubwürdigkeit verliert. 

Wie kann sich die Verteidigung kognitive Verzerrungen im Strafverfahren zunutze machen?

Die Verteidigung kann zunächst versuchen, kognitive Verzerrungen im Strafverfahren durch gezieltes Vorgehen zu reduzieren oder zu minimieren. Eine Möglichkeit ist beispielsweise, das Gericht auf diese aufmerksam zu machen und alternative Sichtweisen und Interpretationen zu präsentieren, um die Urteilsfindung des Gerichts zu beeinflussen. Auch kann im Ermittlungsverfahren bereits frühzeitig ein entsprechender “Anker” gesetzt werden, um falschen Interpretationen bestimmter Sachverhalte vorzugreifen.

Ein recht trivialer aber immer wieder unzureichend berücksichtigter Ansatz ist es, auf die Persönlichkeit und das Verhalten des Beschuldigten einzugehen und dafür zu sorgen, dass diese Faktoren berücksichtigt werden. Wenn der Angeklagte beispielsweise unter hohem Stress stand oder in einer emotional aufgeladenen Situation gehandelt hat, kann dies im Nachhinein zu kognitiven Verzerrungen etwa in Form von Rückschaufehlern führen. Die Verteidigung muss diese Faktoren in ihre Argumentation einbeziehen und gegebenenfalls ausweiten.

Darüber hinaus kann die Verteidigung in einigen Fällen sogar Experten einbeziehen, die auf kognitive Verzerrungen und deren Auswirkungen auf die Urteilsfindung spezialisiert sind. Diese Experten können dem Gericht helfen, kognitive Verzerrungen zu identifizieren und zu minimieren und alternative Interpretationen und Sichtweisen zu präsentieren.

Insgesamt ist es wichtig zu beachten, dass die Auswirkungen von kognitiven Verzerrungen im Strafverfahren oft schwer zu beseitigen sind. Daher ist es wichtig, dass die Verteidigung frühzeitig handelt und versucht, kognitive Verzerrungen etwa durch deren Benennen zu reduzieren, bevor sie zu einem falschen Urteil führen können.

Der Cognitive Bias Codex im Strafverfahren:

Der Cognitive Bias Codex ist eine Visualisierung, die verschiedene Arten von kognitiven Verzerrungen darstellt. Kognitive Verzerrungen sind systematische Abweichungen in der Wahrnehmung, Urteilsbildung und Entscheidungsfindung, die auf unbewussten Prozessen beruhen. Der Codex zeigt diese Verzerrungen in Form von Kategorien und Unterkategorien sowie konkreten Beispielen auf. Durch die Visualisierung wird deutlich, dass es eine Vielzahl von kognitiven Verzerrungen gibt, die in verschiedenen Kontexten und Situationen auftreten und uns beeinflussen können, ohne dass wir es merken. Der Codex kann daher dazu beitragen, sich bewusst zu machen, welche Verzerrungen in bestimmten Situationen auftreten können, um sie gezielt zu erkennen und zu vermeiden.

Der Cognitive Bias Codex hat im Strafverfahren eine wichtige Rolle, da er auf die kognitiven Verzerrungen und Vorurteile aufmerksam macht, denen wir alle unterliegen können. Im Strafverfahren sind Richter, Staatsanwälte, Verteidiger, Zeugen und Gutachter alle anfällig für kognitive Verzerrungen.

Ein Beispiel dafür ist der bereits genannte Bestätigungsfehler (Confirmation Bias), bei dem Menschen dazu neigen, Informationen zu suchen, die ihre vorhandenen Überzeugungen bestätigen, anstatt nach Informationen zu suchen, die diese Überzeugungen widerlegen könnten. Wenn ein Richter oder ein Staatsanwalt zum Beispiel eine bestimmte Theorie über einen Fall hat, kann er dazu neigen, Informationen zu suchen, die diese Theorie bestätigen, anstatt alle verfügbaren Beweise objektiv zu betrachten.

Im Strafverfahren ist es wichtig, sich an einen Experten zu wenden, der auch auf diesem Gebiet über die notwendige Expertise und Erfahrung verfügt und sich nicht unbewusst von seiner Intuition und dem einmal gelernten und hoffentlich immer wieder aufgefrischten Strafprozessrecht leiten lässt. Rechtsanwalt Michael van Eckert aus Dresden betreut seit Jahren bundesweit nahezu ausschließlich strafrechtliche Mandate und kennt die Eigenheiten und Denkweisen der Ermittler. Mit seinem über die Jahre angesammelten Fachwissen und seiner Erfahrung steht Rechtsanwalt Michael van Eckert Ihnen als kompetenter Verteidiger zur Seite.

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